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Wirtschaftspolitik30. April 2026 · 5 Min. Lesezeit

Fußball und Wirtschaft: Was Christoph Werner (dm) der Politik ins Stammbuch schreibt

Beim Ludwig Erhard Gipfel brachte dm-Chef Christoph Werner eine der klarsten Diagnosen zur Lage des deutschen Unternehmertums — verpackt in eine Fußballanalogie, die jeder sofort versteht.

Es gibt Momente auf Veranstaltungen, in denen ein einziger Satz mehr transportiert als eine ganze Keynote. Beim diesjährigen Ludwig Erhard Gipfel war das für mich der Moment, als Christoph Werner, Vorsitzender der Geschäftsführung von dm, über Fußball sprach.

Die Analogie, die sitzt

Werner beschrieb es in etwa so: Fußball wird selbstverständlich nach Regeln gespielt. Klare, verbindliche Regeln — kein Handspiel, kein Foulspiel, kein Abseits. Das ist der Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens aber sind die Spielzüge vollständig frei. Welcher Pass, welche Laufwege, welches System — das entscheiden die Spieler und Trainer selbst, in Echtzeit, situativ, kreativ.

„Wenn auch die Spielzüge reglementiert würden, wäre Fußball langweilig. Genau daran sollte sich die Politik wieder besinnen."

Der Applaus im Saal kam sofort. Zu Recht. Denn der Satz trifft den Kern dessen, was in Deutschland in den letzten Jahren systematisch aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Was Ludwig Erhard dazu gesagt hätte

Der Rahmen war kein Zufall. Der Ludwig Erhard Gipfel versammelt jedes Jahr Persönlichkeiten, die unternehmerisches Denken, Eigenverantwortung und marktwirtschaftliche Prinzipien verkörpern. Ludwig Erhard selbst war der Architekt der Sozialen Marktwirtschaft — und sein Kerngedanke war genau dieser: Der Staat setzt den Rahmen (Wettbewerbsordnung, Eigentumsrechte, Vertragsfreiheit), aber er spielt nicht selbst. Er greift nicht in die Spielzüge ein.

Der Ordoliberalismus, den Erhard vertrat, war kein Plädoyer für Chaos. Im Gegenteil: Stabile, verlässliche Spielregeln sind die Voraussetzung dafür, dass Unternehmer überhaupt langfristig investieren und riskieren. Was Erhard — und heute Werner — ablehnen, ist die schleichende Ausweitung staatlicher Vorgaben von der Regelebene auf die Spielzugebene.

Wo genau der Übergriff stattfindet

Das Problem in Deutschland heute ist nicht, dass es Regeln gibt. Es ist, dass aus Regeln immer häufiger Vorschriften werden — Vorschriften, die nicht mehr das „Was" (verboten, erlaubt) definieren, sondern das „Wie" und „Womit" und „In welchem Format dokumentiert".

  • Ein Mittelständler mit 250 Mitarbeitern, der heute Lieferkettensorgfaltspflichten dokumentieren muss, hat dafür weder die Compliance-Abteilung noch die Rechtsabteilung, die ein DAX-Konzern vorhält.
  • Ein Gründer, der ein neues Geschäftsmodell in einer regulierten Branche ausprobieren will, braucht heute Genehmigungen für Dinge, die in anderen Ländern als Selbstverständlichkeit gelten.
  • Ein Unternehmen, das seine Produktion digitalisieren will, trifft auf Datenschutzauslegungen, die den Einsatz von KI-Werkzeugen faktisch unmöglich machen — obwohl die DSGVO das gar nicht vorschreibt.

Das sind keine Regeln. Das sind Spielzugvorschriften. Und wie Werner sagt: Das macht das Spiel langweilig. Genauer: Es macht es für viele schlicht unspielbar.

Was das mit Mittelstand und Innovation zu tun hat

Ich beschäftige mich täglich mit Unternehmen, die neue Geschäftsfelder erschließen wollen — im Mittelstand, in Konzernen, in regulierten Branchen. Was mich in Gesprächen immer wieder trifft: Die Frage ist selten, ob eine Idee gut ist. Die Frage ist, ob man sie angesichts regulatorischer Unklarheit überhaupt wagen kann.

Das ist eine fundamentale Verschiebung. Früher war die Kernfrage: „Zahlt der Markt dafür?" Heute ist sie oft: „Dürfen wir das überhaupt, und wenn ja — können wir das in drei Jahren noch zu denselben Bedingungen?" Diese Unsicherheit ist ein Innovationshemmer, der in keiner offiziellen Statistik auftaucht — aber in jedem unternehmerischen Gespräch präsent ist.

Was sich ändern müsste

Werners Analogie ist kein Ruf nach Deregulierung um jeden Preis. Fußball ohne Regeln ist kein Fußball — es wäre Chaos. Kein verantwortungsvoller Unternehmer will einen rechtsfreien Raum. Was gefordert wird, ist Unterscheidungsvermögen:

  • Rahmenregeln — Wettbewerb, Vertragsfreiheit, Haftung, Arbeitnehmerrechte — müssen klar und verlässlich sein.
  • Prozessvorschriften — wie genau ein Unternehmen seine internen Abläufe gestaltet, welche Tools es nutzt, wie es dokumentiert — sollten dem Unternehmen überlassen bleiben.

Der Staat, der vorschreibt, wie gespielt werden muss, produziert keine besseren Unternehmen. Er produziert Compliance-Abteilungen, die Energie und Kapital binden, das anderswo fehlt.

Ein Satz, der bleibt

Veranstaltungen wie der Ludwig Erhard Gipfel haben genau dann Wert, wenn jemand auf der Bühne steht, der nicht redet, um zu gefallen — sondern um etwas zu sagen. Christoph Werner hat das gestern getan.

Seine Fußballanalogie ist deshalb so wirksam, weil sie keiner langen Erklärung bedarf. Jeder, der einmal Fußball gespielt hat, versteht sofort, was gemeint ist. Und wer ein Unternehmen führt, versteht noch etwas mehr: dass das Spiel dann am schönsten ist — und am erfolgreichsten — wenn man innerhalb klarer Regeln wirklich frei agieren kann.

Das wäre eine Wirtschaftspolitik im Geiste Ludwig Erhards. Und offenbar wird sie in Teilen der deutschen Unternehmenslandschaft noch immer vermisst.

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Clemens Pompeÿ
Gründer, Vencly GmbH · Ludwig Erhard Gipfel, April 2026

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